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Playboy: Jan Böhmermann „Mann des Jahres“


Dezember 9, 2016 Facebook Twitter LinkedIn Google+ Allgemein


Jan Böhmermann

Blasser, dünner Junge ist „Mann des Jahres“

Das Jahr neigt sich dem Ende und so wird es wieder Zeit für Jahresrückblicke und die von zahlreichen Zeitungen und Magazinen gekürten Männer und Frauen des Jahres. Während das TIME Magazine Donald Trump zur Person of the Year kürte, ernannte die deutsche Ausgabe des Playboys nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Mafo.de den Satiriker Jan Böhmermann zum Mann des Jahres 2016. Auf den Plätzen zwei und drei landeten die Fußballnationalspieler Manuel Neuer und Jérôme Boateng.

Die Facebook-Präsenz von Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“ kommentierte den Titel gewohnt selbstironisch und mit einem Querverweis auf das feministische Leitthema der aktuellen Ausgabe: „Jan Böhmermann wurde vom Playboy zum ‚Mann des Jahres’ gekürt. Zum ‚Playmate des Jahres’ fehlte ihm leider eine Scheide.

Wie hat sich Jan Böhmermann den Titel Mann des Jahres 2016 verdient?

Bis vor etwa zwei Jahren war der aus Bremen stammende Satiriker, Moderator, Autor und Musiker eine Randerscheinung der deutschen Medienlandschaft mit einer einmal wöchentlich ausgestrahlten Late Night Show auf ZDFneo. Was er aber sicherlich nicht ist: Ein Model. Kaum jemand kannte ihn, denn auch seine früheren von der Kritik gefeierten Formate – wie etwa die Talkshow „Roche und Böhmermann“ – liefen im Grunde unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Lediglich eine überschaubare, loyale Fangemeinde hielt treu zu dem „blassen, dünnen Jungen“, obwohl er bis heute keinen Longboardführerschein vorweisen kann und nach wie vor übers Saarland lästert.
Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Böhmermann erstmals 2015, als er vorgab das Video, welches den damaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis mit erhobenem Stinkefinger zeigte, gefälscht zu haben (Video). In der Tat war der besagte, aus dem Zusammenhang gerissene Clip zuvor Teil eines von Böhmermann gedrehten Musikvideos über Varoufakis gewesen, weshalb die halbe Nation tagelang rätselt, was denn nun der eigentliche „Varoufake“ wäre: das Video mit Stinkefinger oder das Video, das zeigte, wie der Stinkefinger angeblich hinein retuschiert wurde.

Schmähkritik

Ein Jahr nachdem Böhmermann bewiesen hatte, dass er Medien und Politik so gut verstand, dass er exakt wusste, welche Knöpfe er zu drücken hatte, um die gewünschten Reaktionen zu provozieren, folgte sein bislang größter Coup, dessen Tragweite sogar den Künstler selbst überraschte.
Obwohl so ziemlich jeder Deutsche und auch viele Menschen im Ausland seit letztem Frühjahr den Namen Böhmermann kennen und ihn mit einer Staatskrise zwischen Deutschland und Türkei in Verbindung bringen, haben nur wenige den genauen Ablauf der Ereignisse verfolgt:
Ausgangspunkt war ein Song von Jesko Friedrich und Dennis Kaupp im Satiremagazin „extra 3“. Das Duo hatte einen neuen Text, der sich über den türkischen Präsidenten Recep Erdoğan lustig machte, zu der Melodie des Nena-Songs „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ geschrieben. Ein entsprechendes Musikvideo strahlte der NDR im Rahmen der extra-3-Ausgabe vom 17. März 2016 aus.

Der türkische Präsident zeigte sich gewohnt dünnhäutig, bestellte zweimal den deutschen Botschafter ein und forderte die sofortige Einstellung der traditionsreichen Satiresendung sowie die umgehende Löschung des Videos aus der Mediathek und von YouTube. Die Bundesregierung erklärte sinngemäß, derartige Satirebeiträge seien in Deutschland durch Meinungs-, Presse- und Satirefreiheit geschützt, weshalb man nichts dagegen unternehmen könne.
Am 31. März nahm Jan Böhmermann dies dann zum Anlass, dem türkischen Staatschef zu erklären, wo die Grenzen der Satire in einem demokratischen Land wie der Bundesrepublik Deutschland lägen. In einen Dialog mit seinem Sidekick Ralf Kabelka erörterte Böhmermann, was der Unterschied zwischen legitimer Satire und der durchaus verbotenen Schmähkritik wäre und führte dann als Fallbeispiel ein Gedicht mit dem treffenden Titel „Schmähkritik“ an, in dem Erdoğan überzogen beleidigt wurde, indem ihm unter anderem Sexualpraktiken mit verschiedenen Tieren unterstellt wurden. Ferner ließ das Gedicht kaum ein rassistisches Klischee oder Ressentiment aus, was gerade viele Türken, die mit Böhmermanns sonstiger Arbeit und seinem offensiven Kampf gegen rechtsextreme Gruppierungen bzw. Parteien wie PEGIDA und AfD nicht vertraut waren, als rassistische Beleidigung auslegten. Dass er für einen Rassisten gehalten werden könne, bezeichnete Böhmermann im Nahhinein als die für ihn „schmerzhafteste Vorstellung“.
Noch ehe irgendwelche Reaktionen aus der Politik kamen, nahm das ZDF, welches die Sendung zuvor noch abgesegnet hatte, die Folge am 1. April aus der Mediathek und stellte sie später um den betreffenden Ausschnitt gekürzt wieder online. Am 3. April bezeichnete Bundeskanzlerin Angela Merkel das Gedicht gegenüber dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu während eines Telefonats als „bewusst verletzend“, wie sie bei der darauffolgenden Bundespressekonferenz durch ihren Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilen ließ.
Damit war der eigentliche Kampf eingeleitet. Auf der einen Seite stand Jan Böhmermann, unterstützt von zahlreichen deutschen Künstlern, vielen ihm sonst wenig wohlgesonnenen Medienvertretern und den Oppositionsparteien. Ihm gegenüber stiegen die Bundesregierung und ein vor Wut schäumender Despot in den Ring. Was tat Böhmermann? Er tat das einzig sinnvolle: gar nichts. Nachdem die nächste Ausgabe des „Neo Magazin Royales“ noch wie gewohnt aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde, legte Böhmermann eine Pause ein und sagte öffentliche Auftritte sowie die nächsten Ausgaben seiner mit Olli Schulz moderierten Radiosendung „Sanft und Sorgfältig“ ab. Dies war wenig verwunderlich, musste er doch um seine Sicherheit und die seiner Familie fürchten. Es gingen Morddrohungen ein und Familie Böhmermann wurde unter Polizeischutz gestellt. Erdoğan wiederum erstatte sowohl als Privatperson wie auch als Staatschef Strafanzeige gegen den Satiriker. Letztere Anzeige bediente ein Relikt aus Zeiten des Kaiserreichs: §103 StGB, den sogenannten Majestätsbeleidigungsparagraphen. Dieser sah vor, dass einem Antrag auf Strafverfolgung nur mit Genehmigung der Bundesregierung stattgegeben werden konnte. Nun sah sich die Kanzlerin im Zugzwang. Dass Merkel dem Antrag stattgab, könnte man oberflächlich gesehen als einen Sieg für Erdoğan und eine Niederlage Böhmermanns werten.

 

Doch letztlich war es dem Satiriker gelungen, die Doppelzüngigkeit der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage zu offenbaren. Obgleich Merkel sich gegen die Forderungen von CSU und weiter rechts stehenden Parteien verwehrt hatte, hatte sie einen Deal mit einem Mann gemacht, der Nazi-Deutschland als Vorbild für seine weiteren Pläne für die Türkei bezeichnet hatte, um dafür zu sorgen, dass die meisten Flüchtlinge die deutsche Grenze niemals erreichen würden.
Am 4. Oktober wurde das Strafverfahren gegen Böhmermann offiziell eingestellt und nach einer zurückgewiesenen Beschwerde durch Erdoğans Anwalt vom 9. Oktober abgeschlossen. Böhmermann selbst äußerte sich dahingehend, dass er es bedauerlich fände, dass man sich zwar wochenlang mit ihm beschäftigt habe, die wirklichen Probleme, allen voran die Flüchtlingskrise und das Regime Erdoğan, weiterhin herunterspiele.

Sonstige Leistungen Böhmermanns im Jahr 2016

Weit weniger Beachtung erhielt die akribisch und von langer Hand vorbereitete Unterwanderung der RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“: #Verafake. Daneben brachte der POL1Z1STENS0HN mit „Ich hab Polizei“ die halbe deutsche Rap-Szene gegen sich auf, holte „Wetten Dass…?“ (mehr oder weniger) zurück auf den Bildschirm und gab sich in den USA als Trump-Unterstützer aus, um die Ansichten von Trumps Wählerschaft offenzulegen. Eines jedoch zog sich wahrlich durch das ganze Jahr: Böhmermann lies keine Gelegenheit aus, gegen die AfD zu feuern – notfalls mit deren eigenen Anfragen.
All das qualifiziert Böhmi wahrlich zum Mann des Jahres 2016.