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Mode und Kunst – Wer trägt sowas?


April 23, 2015 Facebook Twitter LinkedIn Google+ Allgemein


Kunst und Mode gehören auf dem Laufsteg einfach zusammen

Wenn etwas keine eindeutige Zuordnung erfährt oder erfahren kann, wird von einer Grauzone gesprochen. Der Begriff Mode bewegt sich in einer solchen Grauzone, in der er sowohl mit der Kunst wie auch dem Kommerz in Verbindung steht oder Schnittstellen besitzt. Wann Mode Kunst ist und wann es sich um die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse handelt, bestimmen mehrere Faktoren, aber eine exakte Zuordnung wird sich nie finden lassen. Einfach aus der Tatsache heraus, das Mode vollständig der Subjektivität des Betrachters unterliegt wie im Übrigen der Begriff der Kunst ja auch. 

Die Haute Couture, eine andere Dimension

Der Engländer Charles Frederick Worth gründete im Jahr 1857 in Paris das erste große Modehaus und kleidete damals den gehobenen Adel wie etwa Kaiserin Elisabeth „Sissi“ von Österreich oder Königin Viktoria ein. Worth war der erste Schneider, der seine Entwürfe von Mannequins vorführen ließ. Die Kleider, die Worth entwarf und umsetzte, orientierten sich oft an historischen Vorbildern, die auf Gemälden aus dem Mittelalter zu sehen waren. Das war der inoffizielle Anfang der Haute Couture, der gehobenen Schneiderei. Es war aber auch der Anfang der Prêt-à-porter-Mode, denn Worth führte etwas ein, das es vorher ebenso wenig gab wie Models. Während bisher die Kundinnen ihre Vorstellungen zum Design des jeweiligen Kleides dem Schneider vorgaben, führte Worth den noch heute üblichen Modewechsel über das Jahr hinweg ein. Viermal im Jahr stellte der Engländer in Paris Modellkreationen vor. Sein Geschäft hatte, obwohl die von ihm entworfenen Kleider extrem teuer waren, einen großen Erfolg. Worth beschäftigte im Jahr 1870 mehr als 1200 Näherinnen, die für die exklusiven Kunden die Modellkreationen auf Maß schneiderten. Im Zusammenhang mit den Kreationen von Worth wurde auch erstmals der Begriff Kunst in der Modewelt genannt, die bis dahin einfach eine handwerkliche Ausprägung besaß. Der englische Schneider wurde zum Kunstschaffenden, der wie ein Maler eine Anzahl an Werken schuf und diese ausstellte oder in diesem Fall vorführte.

Nicht für kleines Geld

Mode kann also durchaus als Kunst betrachtet werden, vor allem im Bereich der Haute Couture, in der sich der jeweilige Modedesigner Auge in Auge mit einer sehr exklusiven und entsprechend kleinen, aber extrem zahlungskräftigen Kundschaft befindet. Die Kleider der Haute Couture werden für Frauen entworfen, denen es um Einmaligkeit, eben um Exklusivität geht und dafür bereit sind, jeden Preis zu zahlen. Die oft von Außenstehenden als bizarr oder einfach untragbar angesehenen Entwürfe der Designer sollen, nein, sie dürfen nicht Alltagstauglich sein. Ist ein gerade mal 1 m hoher Supersportwagen Alltagstauglich? Wohl kaum, dafür aber exklusiv. Genauso verhält es sich mit Mode der Haute Couture. Es ist Kunst und Handwerk zugleich, die um des Objektes willen getragen wird, nicht aber wegen der Bequemlichkeit oder der Funktionalität. Die Haute Couture ist ein abgeschlossener Bereich, die eigentlich keine Schnittstellen zur herkömmlichen Mode besitzt. Wer mehr als 10.000 Euro für ein einziges Kleid hinblättert und dieses Kleid dann, oft genug, nur ein einziges Mal trägt, will dieses Kleid nicht als Massenware sehen. Weil genau diese Umsetzung von Exklusiv auf Alltag von den Kundinnen der Haute Couture nicht gerne gesehen und aufgrund der dabei verwendeten, sehr teuren Materialien auch schwierig umzusetzen war und ist, wurde die Prêt-à-porter-Mode eingeführt.

Bereit zum Tragen

Unter Prêt-à-porter-Mode ist Kleidung zu verstehen, die sich im Alltag tragen lässt. Genau diese, zu den Jahreswechseln von den bekannten Modehäusern entworfenen Kreationen, prägen das modische Erscheinungsbild der modernen Frau. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob die in den Prêt-à-porter Modeschauen vorgestellten Entwürfe gleichsam als Kunst zu betrachten sind. In gewisser Weise sicher, vor allem wenn die Entwürfe aus den Modehäusern kommen, die als führend betrachtet werden und an denen sich andere Häuser orientieren. Kunst darf durchaus provozieren. Das gehört zur künstlerischen Freiheit. Folglich war etwa die Einführung des Mini-Rocks in den 60er Jahren eine künstlerische Provokation. Heute fällt es den Modedesignern wesentlich schwerer zu provozieren, weil sich zum einen die gesellschaftlichen beziehungsweise sittlichen Werte veränderten und zum anderen die Globalisierung dem normalen Kunden so viele verschiedene Eindrücke vermittelt, das kaum noch wirklich neues geschaffen wird. Gerade die Prêt-à-porter Mode muss in jeder Kollektion den Spagat zwischen der Alltagstauglichkeit und dem modisch Neuen schaffen. Das führt dazu, dass so mancher alte Modetrend wieder neu aufgelegt wird. Aber das ist in der bildenden Kunst nicht wirklich anders. In der Malerei etwa bestehen genauso Modewellen.

Was ist wirklich tragbar?

Die in den Prêt-à-porter-Modeschauen vorgestellten Kreationen kommen üblicherweise nicht Eins zu Eins in die Kaufhäuser und Modegeschäfte. Auch diese Entwürfe wurden zuerst einmal für die große Show auf dem Laufsteg hergerichtet und oft genug sind es nur Teilbereiche, die eine wirkliche Ausprägung auf die aktuelle Mode besitzen. Bestimmte Farben etwa oder der Schnitt der Hose. Die heutigen Modedesigner hadern vermutlich auch ein bisschen damit, dass das früher strenge Modediktat von der modernen Frauenwelt schlicht ignoriert wird. Natürlich werden aktuelle Trends mitgetragen, aber das etwa ein moderner Entwurf solche Popularität erreicht wie beispielsweise das Chanel-Kostüm, das Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ trug, wird sich kaum wiederholen.

Modische Freiheit

Während noch in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht nur in Bezug auf die Mode durchaus klare Abgrenzungen zwischen den Generationen bestanden, verwischtes sich diese Grenzen in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr. Heute trägt jeder was gefällt, wobei hiervon der Businessalltag ausgenommen ist. Geschäft ist nun mal Geschäft und der Bankangestellte in Schlips und Kragen wechselt halt nach Feierabend in seine Lieblingskluft. Die Akzeptanz modischer Freiheiten ist heute wesentlich größer als bis vor einigen Jahrzehnten, wobei Mode auch eine gesellschaftliche Aussage sein kann. Gerade bestimmte soziale und gesellschaftliche Gegenströmungen werden von einer bestimmten Mode begleitet, obwohl die Träger dieser Kleidung das sicher nicht gerne hören. Punks, Skinheads oder etwa Gothik-Anhänger sind dank ihrer „Mode“ leicht zu identifizieren.

Ist Mode Kunst?

Ja und Nein. Kunst ist die Ausprägung einer Kultur und immer das Produkt einer kreativen Anstrengung. Mode ist sicherlich dann als Kunst anzuerkennen, wenn dahinter ein tatsächlicher, kreativer Prozess steht und der oder die Künstler ein Unikat erschaffen. Aber was ist heute noch Unikat und was ist Kopie? Ist nicht alles schon einmal da gewesen? Gerade in der Modewelt mit ihrem drei- bis viermalige Wechsel pro Jahr. Aber dank der Vielzahl an modischen Kleidungsstücken, die heute zur Verfügung stehen inklusive unzähliger Accessoires kann jeder selbst zum Künstler werden und aus sich ein Kunstobjekt machen. Auch dafür gibt es viele Vorbilder und nicht erst seit heute.

 

Bildquelle: Yeko Photo Studio/Bigstock.com