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Magersucht bei Modeln – Klischee oder Vorurteil?


Dezember 10, 2015 Facebook Twitter LinkedIn Google+ Model Ratgeber


Magersucht bei Models
Oft beginnt es ganz harmlos. Das junge Mädchen fühlt sich zu dick und bekommt bei einer Diät vielleicht sogar Unterstützung von der eigenen Mutter. Schließlich ist Übergewicht eine Gefahr für die Gesundheit, und schlanke Menschen werden nun einmal im Allgemeinen auch als attraktiver empfunden. Kein Mensch wird deshalb etwas gegen eine begründete und vernünftige Diät oder Nahrungsumstellung einzuwenden haben. Bis das Ganze plötzlich umkippt. Das Mädchen wird immer dünner, das Essen fällt ihm immer schwieriger. Vielleicht schwindelt es sogar und tut nur so, als würde es essen. Nun läuten alle Alarmglocken. Denn aus einer Diät wurde die gefürchtete Magersucht, die zu den tödlichsten psychischen Krankheiten überhaupt gehört und der alle – die Betroffenen und deren Angehörige – meist völlig hilflos gegenüberstehen.

Vom religiösen Ideal zum Traum von der perfekten Schönheit

Magersucht ist keine Erfindung der Neuzeit, auch wenn sich Ärzte erst seit den 70er Jahren damit ernsthaft befassen. Mit ziemlicher Sicherheit konnten Menschen schon immer in Krisenzeiten unter nervösen Essstörungen leiden. Es gab auch schon immer „Hungerkünstler“, Asketen, die ein Leben ohne Nahrung als ihr Ideal schlechthin sahen. Fasten galt außerdem in vielen Religionen als ein heiliger Akt, der für den Weg zur Erleuchtung immens wichtig war. Im 9. Jahrhundert lebte die fromme Friderada von Treuchtlingen, die nach heutiger Erkenntnis wahrscheinlich unter Bulimie litt. Sie hatte Fressanfälle und schämte sich dafür. Schließlich ging sie in ein Kloster, begann zu fasten und hörte dann ganz mit dem Essen auf. Angeblich aß sie drei Jahre rein gar nichts, der Bischof bezeichnete sie als ein Wunder.

Einen anderen bekannten Fall gab es im 14. Jahrhundert in der Toskana. Katharina von Siena weihte ihr Leben der Mutter Gottes und lebte nur noch von Kräutern und Wasser. Die Forschung ist heute davon überzeugt, dass sie alle Symptome einer „Aneroxia nervosa“ entwickelt hatte.
Aber erst im 19. Jahrhundert wurde das krankhafte Fasten schließlich als Krankheit definiert, Ärzte schilderten zum ersten Mal konkrete Fälle und beschäftigten sich mit der Frage der Heilung. Heute geht man davon aus, dass auch die berühmte Kaiserin Sissi von Österreich magersüchtig war. Sie aß nur ganz spezielle Dinge und trieb intensiv Sport und Gymnastik, um schlank zu bleiben. Sie hatte keine besonderen religiösen Ambitionen, sie wollte – wie sie ehrlich zugab – gut aussehen. Vielleicht liegt hier die eigentliche kulturhistorische Veränderung. Die Krankheit als solche gab es schon immer, aber erst im 19. Jahrhundert wurde das Aussehen so wichtig, dass es von nun an die Magersucht mit auslösen konnte.

Die vielen Gesichter der Magersucht

Magersucht wird grob in zwei Gruppen eingeteilt. Es gibt die Aneroxia nervosa, die nervöse Appetitlosigkeit, bei die Nahrungsaufnahme völlig verweigert wird. Und es gibt die Bulimia nervosa, die Fresssucht, bei der das Gegessene wieder erbrochen wird. Manchmal sind die Übergänge fließend, manche Patienten und Patientinnen leiden an Bulimie und Anorexie abwechselnd. Bei vielen entsteht gleichzeitig eine Sportsucht, damit jede zu sich genommene Kalorie so schnell wie möglich wieder abtrainiert wird. Diese Form der Krankheit wird als Aneroxia Athletica bezeichnet. Manche nehmen noch Mittel ein und werden abhängig von z. B. Abführpillen. Ärzte sprechen dann vom Purging-Typ (vom Englischen „to purge“, abführen). Die Symptome sind bei allen Formen ähnlich. Das Gewicht fällt auf einen BMI von unter 17.5. Die Erkrankten beschäftigen sich ständig mit Nahrung und rechnen Nährwerte und Kalorien aus. Sie sitzen lange vor ihrem Teller, stochern herum und trinken dazu viel Wasser oder Tee. Viele von ihnen kochen sehr gerne, rühren aber selbst nichts an. Sie reden viel von Essen und vom Idealgewicht, von Gesundheit und von Sport. Wie andere Süchtige weisen sie jedoch jeden Verdacht auf Magersucht zurück. Ein Magersüchtiger wird immer behaupten, genug zu essen – genau, wie ein Alkoholiker behauptet, kaum etwas zu trinken. Am Auffälligsten ist jedoch, dass die Magersüchtigen nicht erkennen, wie dünn sie sind. Sie haben ein völlig verzerrtes Selbstbild und schätzen sich immer viel zu dick ein.

Krankheit der Models?

Das ideale Model ist groß und sehr schlank. Es wirkt weiblich und vertritt trotzdem mit einer oft knabenhaften Figur den eher androgynen Typ. Wenn ein Model 1.79 groß ist und 52 Kilo wiegt – was in etwa den Standardmaßen der Laufsteg-Models entspricht – hat es einen BMI von 16.2 und liegt damit unter der magischen Grenze von 17.5. Die begehrtesten Models, die in Paris und New York laufen, sind demnach schlicht und einfach untergewichtig. Deswegen müssen sie jedoch nicht magersüchtig sein. Viele junge Mädchen sind schnell gewachsen und von Natur aus sehr dünn. Früher nannte man diese Mädchen abfällig „Bohnenstangen“, heute können „Bohnenstangen“ berühmt und reich werden. Trotzdem werden immer wieder Fälle von Models bekannt, die sich krank gehungert haben oder im schlimmsten sogar an Magersucht gestorben sind. Inzwischen wurde in mehreren Ländern einen Mindest-BMI für Models eingeführt, damit einerseits die Models geschützt werden und andererseits Untergewicht nicht länger als Schönheitsideal Krankheiten auslösen kann.

Schönheitsideal als Krankheitsursache?

Die Frage ist jedoch, ob hier wirklich die alleinige Ursache zu suchen ist. Die Forscher sind sich jedenfalls uneinig. So kann das Essverhalten in der Familie eine wichtige Rolle spielen, es können auch psychische Störungen oder traumatische Erlebnisse zur gewollten Abwärtsspirale auf der Waage beitragen. Außerdem zeigen neuere Zahlen, dass inzwischen bis zu 15 Prozent der Erkrankten junge Männer sind. Bei sowohl Frauen als auch Männern scheint die eigene Sexualität gestört zu sein. Viele Essgestörten leiden an Angst vor dem Scheitern oder wollen an ihrem kindlichen Äußeren aus Angst vor sexuellen Kontakten festhalten. In vielen Fällen kann einem Erkrankten nur mit einer langwierigen Therapie und stationär geholfen werden. Eine Reihe von Kliniken hat sich auf die Behandlung spezialisiert. Außerdem wird empfohlen, dass die Erkrankten nach Abschluss der Therapie noch eine gewisse Zeit therapeutisch begleitet werden, um einen Rückfall zu vermeiden.

 

Bildquelle: bigstock.de ID-53070874 by Putilov-Denis